Stefan 'Sterni' Mösch

Enrico der Verlierer

Eine Erzgebirgstragödie

zum Kapitelverzeichnis

19

Auch den Unterricht am Freitag empfand Enrico als sehr anstrengend. Daran hatte nicht nur die für September ungewöhnlich brütende Hitze schuld, die wieder auf dem Seminarraum lastete und alle Kursteilnehmer gleichermaßen belastete. Nein, Enrico wurde diesmal zusätzlich noch durch die Gehässigkeiten geplagt, die Langbein in regelmäßigen Abständen über seinen neuen „Lieblingsschüler“ ergoß. Er bedauerte inzwischen beinahe, daß er sich auf diesen „Telefon-Mist“ eingelassen hatte und hätte es jetzt viel lieber vorgezogen, wie ehedem mit einer kühlen Flasche Bier auf dem Balkon zu sitzen, um sich durch ein mildes Windchen ganz allmählich einlullen zu lassen, beschallt von den optimistischen Klängen von „Antenne Radio Sachsen“. Nun hatte er sich selbst zu einem Job verdonnert, der ihm wohl nie im Leben Spaß bereiten würde. Und die Sache einfach wieder hinschmeißen, war auch nicht so leicht möglich, riskierte er doch damit eine dreimonatige Sperre seines Arbeitslosengeldes. Da konnte nur noch sein Hausarzt Dr. Buschmann helfen, der würde ihn schon mal …“
„Herr Walther, kommen Sie doch bitte mal nach vorn an die Tafel“, wurde er da plötzlich durch Herrn Langbein aus seinen Wachträumen gerüttelt.
„Auch heute möchten wir keinesfalls auf Ihr Rechengenie verzichten, das Sie uns ja bereits gestern schon einmal so wirkungsvoll präsentiert haben. Sie dürfen mich diesmal bei einem Rechenexempel aus der Versicherungspraxis unterstützen, das als nächster Übungspunkt auf unserem Programm steht.

Was konnte Enrico gegen ein solch perfides Verhalten von Seiten seines Lehrers ausrichten? Resigniert trottete er nach vorne, wo ihm Langbein einen Stuhl zuschob.
„Machen Sie es sich einstweilen ruhig an der Tafel bequem, denn es könnte diesmal durchaus etwas länger dauern,“ tröstete er ihn zunächst scheinheilig.
Hier mußte er nun vor versammelter Klasse ausharren, während Lehrer Langbein, als wäre nichts gewesen, sich wieder seinen Schülern zuwandte, um diesen zu verkünden:
„Zum Abschluß unseres heutigen Unterrichts – denn Sie dürfen heute wegen Ihrer guten Leistungen ausnahmsweise schon um 13 Uhr nach Hause – wollen wir uns der Unfallversicherung zuwenden, einem äußerst wichtigen Modul unseres vielfältigen VVV-Angebots. Wie Sie alle sicherlich wissen, sieht es nach den letzten verheerenden Reformen der Bundesregierung für die Unfallinvaliden ganz besonders schlimm aus, insofern diese ausschließlich auf staatliche Renten angewiesen sind. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie hätten einen schlimmen Unfall gehabt und wären nun arbeitsunfähig. Bei 90 % Behinderung würden Sie da als Erwachsener auf ca. 190 Euro staatliche Rente pro Monat kommen, und damit sollen sie dann auch noch für ihre Familie, ihre Wohnung sowie Hund und Katze sorgen. Vielleicht haben Sie sich ja ein paar Euro zurückgelegt. Doch irgendwann werden auch diese Notgroschen aufgebraucht sein. Und plötzlich stehen Sie ganz ohne Cash da. Ja, was wird dann aus Ihrem Leben und dem Ihrer Familie?“

Einem Heilsprediger gleich, richtete er seine Augen Gnade heischend gen Himmel, das heißt, genauer genommen nur zur weiß getünchten Decke. Doch von dort war keine Hilfe für den womöglich beinamputierten nächsten Mitbürger zu erwarten. Mit verzweifeltem Gesicht wandte er sich deshalb wieder seinen Eleven zu.
„Weder von Gott noch vom Staat haben Sie dann etwas zu erwarten! Der Unfall war schon schlimm genug, doch was man jetzt mit Ihnen macht, das ist nur noch als grausam und pervers zu bezeichnen.“
Der Seminarleiter hatte sich inzwischen emotional so stark angereichert, daß er nach seinem Schnupftuch greifen mußte, um sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augen zu wischen. Er machte eine kurze rhetorische Pause, ehe er zur Auflösung des tragischen Dilemmas schritt.
„Der einzige Weg, meine Damen und Herren, diesem allzeit über Ihnen schwebenden Damoklesschwert zu entgehen, ist eine Unfallversicherung. Doch schauen wir uns eine solche zunächst einmal etwas genauer an. Bei einer Behinderung von 80 bis 90 % hätten Sie als Unfallversicherter mit einer Auszahlungssumme von ungefähr 225.000 Euro zu rechnen. Das klingt für den ersten Moment, als wäre das wer weiß wie viel. Rechnet man aber einmal etwas genauer nach, wie ich es sogleich mit Unterstützung von Herrn Walther an der Tafel tun werde, dann werden Sie ganz leicht feststellen können, daß diese scheinbar so große Summe noch längst keinen Lottogewinn darstellt. Schreiben Sie doch einmal 1.000 Euro an“, forderte er nun Enrico barsch auf.
„Mit dieser Summe dürften Sie Ihre monatlichen Ausgaben hier im Osten gerade so bestreiten können. Das würde auf das Jahr gerechnet …?“
Er richtete einen bohrenden Blick auf seinen Schüler an der Tafel, der aber vor Aufregung nicht mehr weiter wußte und nach einem Rettungsanker suchend auf seinen Schwager in der ersten Reihe stierte. Der erbarmte sich schließlich seiner und flüsterte ihm eine „Zwölf“ zu, die Enrico sogleich brav an die Tafel malte. Langbein war die heimliche Aktion natürlich nicht entgangen, deswegen fügte er in leicht gekränktem Tonfall hinzu:
„Herr Pfeffke hat natürlich recht, dann fügen Sie doch bitte auch gefälligst noch die drei fehlenden Nullen hinzu, damit alles seine Richtigkeit hat. 12.000 Euro im Jahr, das würde bedeuten, daß die 225.000 aus der Unfallversicherung nach … – ja, ganz richtig, Herr Pfeffke – nach etwa zwanzig Jahren bereits alle wären, selbst wenn man die fälligen Zinsen mit einberechnen würde. Wenn Sie Ihren Unfall mit vierzig hatten – an die armen tagtäglich verunglückenden Kinder mag man in diesem Falle gar nicht denken – dann wären Sie gerade einmal sechzig, wenn Ihnen das Versicherungsgeld zu Ende ginge. Ich glaube nicht, daß es dann großen Sinn machen würde, noch einmal zu Ihrer Versicherung zu gehen, um von denen einen Extra-Nachschlag zu verlangen. Ihnen als Erwachsenem würden dann bis zum Tod noch zwanzig bis dreißig Jahre Geld aus der Versicherungsprämie fehlen, bei einem Kind sogar achtzig bis neunzig Jahre, berücksichtigt man die steigenden Lebenserwartungen. Ist das nicht eine ausgemachte perverse Masche, die in diesem Land betrieben wird?! Schreit diese bodenlose Ungerechtigkeit nicht nach Vergeltung und Rache?!“
Langbein glühte auf einmal vor revolutionärem Pathos, so daß er, hätte er auf seinem sich plötzlich wie elektrisiert in Richtung Decke aufrichtendem roten Haarschopf eine betont lässig aufgestülpte Baskenmütze getragen, bei so manchem BND-Beamten ganz leicht als ETA-Terrorist identifiziert worden wäre. Und viele seiner biederen westdeutschen Mitbürger hätten ihn wohl in diesem Augenblick für die Inkarnation eines hinterhältig lauernden Bolschewisten gehalten, der nichts anderes im Sinn haben konnte, als ihnen ihre im Schweiße ihres Angesichts ersparten Kontoguthaben nebst Aktienbriefen zu rauben, um mit diesem ihren Geld ganz klammheimlich die Weltrevolution voranzutreiben. Glücklicherweise befanden sich weder pensionierte BND-Männer noch übergesiedelte Wessis im Saal, sondern nur ein knappes Dutzend blöde dreinglotzender Ossis, so daß ein Eklat ausblieb.
„Ja, meine Damen und Herren“, setzte er im schrillen Tone seine Deklamation fort, „auch daran trägt der Jugendwahn, der unsere Gesellschaft beherrscht, die Hauptschuld. Solchen verbrecherischen Organisationen wie der Alliance sind ja Alter und Gesundheit ihrer Mitarbeiter und Kunden völlig scheißegal, ganz im Unterschied zu unserer Firma.“
Seine Augen glänzten jetzt auf einmal wie im Wahnsinn, nach einem potentiellen Opfer suchend, in das sie sich bohren könnten. Abrupt wendete er sich nach rechts zur Tafel, an der Enrico immer noch vor Angst zitternd mit der Kreide in der Hand stand. Fuchsteufelswild stürzte sich der vom Wahn Befallene auf das gesichtete Freiwild und donnerte es an:
„Sie immer noch hier, Sie alter Tölpel!“
Langbein schubste den schockierten Enrico gegen die Bank Willys, dessen kostbare Lernutensilien nach allen Seiten zu Boden segelten, ließ dann aber von seinem flüchtenden Opfer ab, um sich eines Schwammes zu bemächtigen. Mit diesem bewaffnet sprang er zur Tafel, um wild fuchtelnd Enricos Zahlenbeispiel hastig auszulöschen.
„Weg mit diesem blöden Gekleckse! Jetzt wollen wir endlich einmal Klartext sprechen!“

Es war kaum noch ein Zweifel möglich, auch Langbein war augenscheinlich ein Opfer der extremen Erderwärmung geworden, die nun schon seit zwei Wochen das Land und seine Bewohner plagte. Wie durch ein Wunder fand er jedoch bald wieder zu sich. Möglicherweise hatten beim hektischen Abwischen der Tafel einige Tropfen des mit kühlem Wasser vollgesogenen Schwammes seine glühendheiße Stirn benetzt, denn Willy sorgte in den Pausen als beflissener Feuerwehrmann stets für die Säuberung und Wässerung dieses ungemein wichtigen Lernutensils. Vielleicht war ihm aber auch nur eine Starkstromsicherung des Großhirns durchgebrannt, was ihn nun dazu zwang, seinen Wahnsinn auf einem niederen Level auszutoben. Im Endeffekt konnte es dem Auditorium auch völlig egal sein, welche Ursache dieses kleine Wunder gehabt haben mochte, was zählte war einzig der Fakt, daß Langbein nun wieder imstande zu sein schien, den Unterricht wenigstens noch für ein Weilchen halbwegs normal fortzusetzen.
„Entschuldigen Sie bitte meinen kurzen Aussetzer“, murmelte er also nach einer kurzen Verschnaufspause, „mir war nur eben einmal ganz kurz schwindlig. Das muß wohl daran liegen, daß ich ständig dazu gezwungen bin, Überstunden zu machen. Aber was tut man nicht alles zum Wohle seiner Firma.“
Er ging nun höchstpersönlich daran, mit Akribie die Summe zu errechnen, die eine Unfallversicherung mindestens betragen müßte, die diesem Namen auch wirklich gerecht werden wollte. Mit Willys Unterstützung kam er schließlich auf den horrenden Betrag von 1,2 Millionen Euro.
„Tja“, gab er sogleich grüblerisch zu bedenken, „eine Unfallversicherung in einer solchen Höhe, wenn es denn eine solche überhaupt in Deutschland gibt, wäre sicherlich sehr teuer. Welche Auszahlungssummen wurden denn den Unfallversicherten unter Ihnen in Aussicht gestellt?“
Einige Betroffene nannten nun Beträge verschiedener Größenordnungen, die jedoch alle weit unter der von Langbein errechneten Mindest-Fixsumme lagen und deshalb keinesfalls seinen strengen Qualitätsansprüchen genügten. Nach kurzem besorgten Kopfschütteln über die unseriösen Geschäftsgebaren deutscher Versicherungsinstitute fuhr er deshalb salbungsvoll fort:
„Wegen dieses offensichtlichen Mißstands habe ich mich mit den Vorständen unserer Firma zusammengesetzt. Wir standen vor der diffizilen Frage, wie eine lebenslange Absicherung, von mir aus bis zu einem Alter von 120 Jahren, realisierbar wäre, ohne die Brieftasche des kleines Mannes allzu schwer zu belasten.“
Er begab sich nun auf eine noch höhere dimensionale Stufe Langbein'scher Versicherungsmathematik, auf die ihm nur noch Willy Pfeffke mit einiger Mühe folgen konnte, während den wenigen anderen Wachgebliebenen das Maul vor Staunen offen stehen blieb. Irgendwie brachte er es fertig, eine ominöse Konstante von 44,8 % ins Spiel zu bringen. Diese stellte wohl das kabbalistische Pi im Versicherungsgewerbe dar, um das alle Planeten, Versicherungspolicen und anderen Elementarteilchen auf eliptischen Orbitalen kreisten.

Zunächst errechnete er die Höhe der monatlichen Auszahlungssummen, die ein würdervolles Überleben des Unfallopfers garantieren sollten und rahmte diese an der Tafel mit roter Kreide dick ein, da er sie als Ausgangsdaten für seine weiteren Berechnungen später noch benötigte:

„40 %-Behinderung = 1.000 €,
 60 % = 2.000 €,
 80 % = 3.000 €.“
Nun verglich er die Höhe dieser von seiner Versicherung vorgeschlagenen Beträge mit den einmaligen Zahlungen der herkömmlichen Unternehmen. Das Ergebnis war frappierend: Schon nach 20 Jahren hatte ein mittelschwerer Fall bereits alle Konkurrenten seiner Firma geschlagen. Sicherheitshalber holte er sich noch die Bestätigung Willys ein, der nach kurzer Kalkulation alle Langbein'schen Berechnungen bestätigte.
„Mensch, Sie sind aber schnell!“, entfuhr es dem Seminarleiter erstaunt, ehe er listig schmunzelnd hinzufügte: „Und was soll das nun alles kosten?“
Nun mußten die noch wachen anwesenden Unfallversicherungsopfer auch noch ihre monatlich zu zahlenden Prämien verraten, die alle im Bereich zwischen 15 und 30 Euro lagen und die Langbein alle nacheinander mit einem abfälligen Abwinken abtat.
„Ich habe bereits eine dunkle Vorahnung, meine Damen und Herren, daß kein anderes deutschen Versicherungsunternehmen mit unserem Angebot mithalten kann, denn wir kosten nur einen einzigen Zehner!“
Ein mutmaßliches Alliance-Opfer, das noch nicht hundertprotzendig von Langbeins neuem Versicherungsmodell überzeugt worden war, wandte nun ein, daß es für seine ganze Familie nur 43 Euro pro Monat zu bezahlen hätte.
„Auch das kriegen wir irgendwie hin“, schmunzelte Langbein gerissen und wendete sich erneut der Tafel zu, um sie mit weiteren ominösen Zahlenreihen zu bedecken. Er schlüsselte nun die unterschiedlich hohen Wertigkeiten von Männern, Frauen und Kindern, alle natürlich gestaffelt nach Altersklassen, auf, wobei er auch die letzten eifrigen Zuhörer nacheinander in pure Verzweiflung stürzte, die schließlich in resigniertes Gähnen mündete. Nach ca. zehn Minuten angestrengten Rechnens kam er dann auf mysteriös anmutende Weise auf eine monatliche Versicherungssumme von 36 Euro 10 Cent, die der notorische Alliance-Jünger bei Langbeins Kompanie zu zahlen gehabt hätte. Dieser mußte nun endlich reuevoll seine Niederlage eingestehen und versprechen, seinen Versicherungsvertreter zur Rede zu stellen
„In Deutschland bieten 450 Gesellschaften Unfallversicherungen an“, triumphierte Langbein nach der Zähmung dieses letzten Widerspenstigen. „Doch keine kann sich auch nur im mindesten mit uns messen. Unser Produkt ist eben einmalig. Sie werden sich nun vielleicht fragen, wie wir das machen? Unser Geheimrezept lautet Effizienz! Auf aufwendige Werbearbeit im Außendienst wird bei uns nämlich weitgehend verzichtet. Stattdessen setzen wir auf hypermoderne CallCenter-Technik, die Sie als Auserwählte ab nächsten Montag selber etwas näher kennenlernen dürfen.“
Seines Sieges an allen Fronten sicher, entließ er nun strahlenden Gesichtes seine erschöpften Opfer, die das bevorstehende Wochenende wirklich dringend benötigten, um sich von dem psychischen Streß der letzten Tage wenigstens notdürftig zu erholen.